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Geistliche Impulse

An dieser Stelle finden Sie Predigten und Andachten von unseren Pastoren*innen, Diakonen*innen und Kirchenvorsteher*innen aus unserer Region.

Auch unsere Kirchentürandachten und weitere Links zu diesem Thema haben wir Ihnen zusammengestellt.

Schauen Sie ruhig öfter mal vorbei!

 

Auf ein Wort (21.3.2021) - Gewissheit in haarigen Zeiten

„Wie neugeboren!“ Er stand vor mir – und trotz allem, was uns alle gerade bewegt, wirkte er befreit. Den Hut noch unterm Arm, Atemschutz noch auf, hielt er genussvoll seine frisch geschnittenen Haare in die Frühlingssonne. Wie hatte er sich auf diesen Friseurbesuch gefreut. Denn Haare, die so auf dem Kragen aufliegen und anderen Gesprächsstoff bieten („Na, Corona-Matte, was?“), das war nichts für ihn.

Für die einen mögen es die Haare sein, von denen wir uns in diesen Tagen dankbar befreien lassen möchten. Für andere sind es (und manchmal kommt das mit den Haaren zusammen) vor allem die Sprüche, die wir nicht mehr hören mögen. Mal mehr mal weniger witzige Bemerkungen, wie wir uns in den vergangenen Monaten verändert haben: etwas dicker, vielleicht, etwas stiller, vielleicht, und, ja, auch wuseliger auf und im Kopf – mag gut sein.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt,“ entgegnete Hiob denen, die ihm mit ihrem Gerede wehtaten, als er so verletzlich war. Was war Hiob nicht alles widerfahren: liebe Menschen waren gestorben, seinen Besitz hatte er verloren, er selbst wurde krank. Doch immer wieder hält sich Hiob an dem Gedanken fest: „… mein Erlöser lebt!“

„Ich möchte in dieser Zeit gerne etwas für mich haben“, sagte die Frau zu mir, als sie vor wenigen Tagen am Pfarrbüro klingelte. „Deshalb möchte ich meinen Sohn zur Taufe anmelden.“ Taufe in der Kirche oder auf dem Kirchhof, wir besprachen die Möglichkeiten. Umso mehr wir planten, hellten sich unsere Gesichter auf. Es tat gut, sich die Taufe auszumalen. Sie gibt uns die Gewissheit: auch wenn die Zeiten uns verändern, glauben und zweifeln lassen, Gott selbst ist und bleibt unser Erlöser.

Andacht von Sandra Alm

Folgenden Text von Jakob Kampermann habe ich vor ein paar Tagen gelesen:

Geduldiger Mensch, so bist du. Voller Unkraut - und voller Weizen. Das musst du mir nicht erzählen. Ich sehe das. Ich weiß das. Ich kenne dich. So bist du. Deshalb sei vorsichtig, wenn du das Unkraut aus dir herausreißen willst. Pass auf, dass du dich nicht vor lauter Eifer ganz entwurzelst. Es wird der Tag kommen, da werde ich dich vom Unkraut erlösen. Lass das getrost meine Sorge sein.

Der Bibeltext steht im Evangelium nach Matthäus 13, 24-30 von Unkraut und Weizen:

Jesus gab den Leuten, die ihm zuhörten, ein Gleichnis zum Nachdenken: „Ein Mensch säte guten Samen auf seinen Acker. Als die Menschen schliefen, kam aber ihr Feind und säte Unkraut mitten in den Weizen und machte sich davon.

Als aber die Saat wuchs und Frucht trug, da kam auch das Unkraut hervor. Da gingen die Knechte zu ihrem Herrn und fragten: ‚Herr, hast Du nicht guten Samen in deinen Acker gesät? Woher kommt nun das Unkraut?‘

Der aber sagte zu ihnen: ‚Eine Person, die uns schaden will, hat das getan.‘ Die Knechte erwiderten: ‚Willst du jetzt, dass wir hingehen und das Unkraut einsammeln?‘
Da antwortete der Herr: ‚Nein, damit ihr nicht beim Sammeln des Unkrauts gleichzeitig auch den Weizen ausreißt. Lasst beides zusammen wachsen bis zur Ernte. Und zur Zeit der Ernte werde ich den Erntearbeitern sagen: „Sammelt zuerst das Unkraut und bündelt es, um es zu verbrennen. Den Weizen aber bringt in meine Scheune.“‘“

Frühling wird es. So richtig können wir es noch gar nicht glauben. Aber es war schon so schön warm. Die Tage sind länger hell. Überall sprießt es. Die Welt wird wieder bunter. Vogelgezwitscher ist zu hören. Überall erwacht das Leben. Man hat wieder Lust rauszugehen. Am Leben teilzuhaben. Wie schön.

Wenn die Sonnenstrahlen so durch die Fenster in unsere Wohnungen dringen, fällt auf einmal auf, wie viel Staub in der dunklen Jahreszeit liegengeblieben ist. Und die Fenster... die könnte ja auch mal wieder jemand putzen. Es ist Zeit zum Frühjahrsputz. Zeit, die Fenster aufzureißen, ja... sie auch zu putzen, und all das, was draußen gerade passiert an Farben und Leben, auch hereinzuholen. Hereinzulassen.

Mitten in dieser Jahreszeit ist im Kirchenjahr die Passionszeit dran. Wir erinnern uns an den Weg von Jesus, der ihn nach Jerusalem führte und schließlich ans Kreuz auf Golgatha. Es wird der Weg sein, der Jesus nach Ostern führt, ins ewige Leben. Viele Menschen nutzen diese sieben Wochen vor Ostern, um sich auf das große Fest des Lebens vorzubereiten. Sie begehen diese Zeit bewusst. Sieben Wochen ohne. Sie verzichten auf liebgewonnene Gewohnheiten, um wieder neu zu hören. Sie hören mit etwas auf, um wach zu werden für das, was ihnen wichtig ist, wach zu werden für Gott. Wach zu werden für sich selbst. Es ist Zeit zum Frühjahrsputz. Zeit die Fenster aufzureißen und... genau hinzuschauen.

Was kann ich dabei alles entdecken? Wenn ich in mich höre? In mich gehe? Finde ich da kleine Krokusse? Lila und weiß? Oder finde ich staubige Ecken – grau in grau?
Beides wird der Fall sein.

Dieser Text hat mich sehr nachdenklich werden lassen. Zum Jahreswechsel setzen wir uns Ziele mit einem Laster aufzuhören, Sport zu machen, bewusster zu leben. Viele versuchen dies dann noch einmal in der Fastenzeit. Oder wir verzichtet auf etwas, was vermeintlich nicht gut ist oder zu viel Raum in unserem Leben einnimmt.

Vielleicht hat jeder schon mal gedacht, wenn ich besser wäre... wenn ich schlanker wäre... wenn ich immer lächeln und gutgelaunt sein könnte... wenn ich konsequenter wäre... wenn ich mehr Ausdauer hätte... wenn ich dies oder jenes dauerhaft verändern könnte... wenn ich... Da ist es, unser Unkraut. Doch wem wollen wir gefallen? Uns? Anderen? Gott? Kommen wir nur zu Gott, wenn wir super gut und ohne Mängel und Unkraut sind? Werden wir von anderen dann mehr geliebt? Auch ich zerre an meinem Unkraut und mir wurde schlagartig bewusst, ich zerre so sehr, dass ich Gefahr laufe mich zu verlieren, nicht mehr ich zu sein. Doch wer mich liebt, liebt mich doch auch mit dem einen oder anderen Unkraut und manchmal auch gerade darum.

So sind wir. Voller Unkraut – und voller Weizen.

Am liebsten würden wir alles Unkraut aus uns herausreißen. Damit es nur noch das eine in uns gibt. Das Gute. Den Weizen. Damit wir Gott gefallen. Damit wir uns selbst gefallen. Wir beschäftigen uns so sehr mit dem Schlechten, dem Unkraut in uns, anstatt das Gute in uns zu sehen und zu fühlen.

Gott ist da behutsamer mit uns. Geduldiger.
Mensch, so bist Du. Voller Unkraut – und voller Weizen. Das musst Du mir nicht erzählen. Ich sehe das. Ich weiß das. Ich kenne Dich.
So bist Du.
Deshalb sei vorsichtig, wenn Du das Unkraut aus Dir herausreißen willst. Pass auf, dass Du Dich nicht vor lauter Eifer ganz entwurzelst.
Es wird der Tag kommen, da werde ich Dich vom Unkraut erlösen.
Lass das getrost meine Sorge sein!

Amen.

Denkpause (30.01.2021) - Gedenken für Nachgeborene

„Selig sind eure Augen, dass sie sehen“

(Pastor Ralf Altebockwinkel) Erstmals nahm ich am vergangenen Mittwoch, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Rede einer Jüdin meiner Generation wahr. Marina Weisband, Jahrgang 1987, Psychologin, spricht von dem Trauma ihrer Großeltern, das von Generation zu Generation weitervererbt wurde und mit dem ihre kleine Tochter heute wieder ringt. Außerdem spricht sie von den Umständen unter denen sie heute als Jüdin in Deutschland leben muss: Polizeischutz beim Beten und vor dem Kindergarten, immer wieder Morddrohungen an sie persönlich. Dann sagt sie: „Schmerzhaft ist für mich diese Debatte um einen vermeintlichen Schlussstrich, solange wir keinen ziehen können.“

Das bewegt mich. Ich kenne diesen Ruf, mit der Vergangenheit abzuschließen und nach vorne zu schauen gut. Als hätten wir nichts mit den Taten unserer Großeltern zu tun. Doch dass Traumata sich weitervererben, trifft nicht nur auf die Nachfahren der Opfer zu. Auch die Großelterngeneration auf der Täterseite war traumatisiert und vererbte ihr Trauma an uns Nachgeborene weiter. Auch als Nichtjuden können wir nicht mit der Vergangenheit abschließen, sondern müssen uns unserer Familiengeschichte und der Geschichte unserer Gesellschaft bewusst werden und bleiben. Umso mehr, wenn wir sehen, dass hier und heute wieder Juden so gefährdet sind. Was wir und unsere bedrohten Mitbürger brauchen ist kein Schlussstrich, sondern Augen, die hinsehen, Ohren, die hören und Herzen, die verstehen, damit wir gemeinsam heilen können.